Historie der Johannisloge zur Freundschaft
An dieser Stelle nur so viel: Die Geschichte der heutigen oder auch "modernen" Freimaurerei führt zunächst nach England. Sie nahm ihren Anfang zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als sich im Jahr 1717 in London die erste Großloge der "Alten Freien und Angenommenen Maurer" bildete.
Friedrich der Große löst in Preußen die Initialzündung aus. 1737 wurde eine erste deutsche Loge (sie trug später den Namen "Absalom") in der Freien und Hansestadt Hamburg gegründet. Den eigentlichen Anstoß gab jedoch König Friedrich II. ("der Große") von Preußen. Ihm ist der Erfolg der rasanten Ausbreitung der Freimaurerei in den deutschen Ländern zu verdanken. Die Brüder der soeben erwähnten (ersten deutschen) Hamburger Loge hatten den Kronprinzen Friedrich 1738 in die Bruderschaft der Freimaurer aufgenommen.
Friedrich gründete darauf sofort eine eigene Loge und förderte seit seiner Krönung zum König (1740) als Schutzherr unermüdlich die "Geburt" weiterer Logen und Großlogen in Preußen. Er war damit Vorbild für viele souveräne deutsche Fürsten der Epoche des "aufgeklärten Absolutismus", die seinem Beispiel folgten.
Der geschichtliche Rückblick auf Freimaurerei in Hessen zeigt uns eine über 250jährige Tradition der Freimaurerei, darunter Zeiten beachtlicher Aufwärtstrends, dagegen aber auch zum Teil langjährige Abschnitte des Niedergangs. So führten zum Beispiel die politischen Verhältnisse in Hessen- Kassel insgesamt drei mal zu Zeiten von Verbot und Verfolgung.
"Zu den drey Löwen" nannte sich die 1743 in der Universitätsstadt Marburg an der Lahn gegründete erste Loge in der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Die Marburger Loge hatte die Patenschaft, als sich im Jahr 1766 die erste Kasseler Loge mit dem Namen "Zum Thale Josaphat" einrichtete. Sowohl die Marburger als auch die Kasseler Loge fristeten lange Zeit ein doch recht bescheidenes Dasein, hatten kaum Zuwachs an Mitgliedern zu verzeichnen. Der Grund war vermutlich, daß den Logen die offizielle Legitimation durch den Landesherren fehlte - eine wichtige Voraussetzung, um von den übrigen Freimaurerlogen der deutschen Länder und im restlichen Ausland als "regulär" anerkannt zu werden.
Die meisten Angehörigen der gebildeten, wohlhabenden oder adligen Stände Hessen-Kassels scheuten sich wohl wegen dieser fehlenden "Regularität", einer der beiden Logen beizutreten.
Im Mittelpunkt stehen von Anfang an die humanistischen Ideale. Einen Aufwärtstrend erlebte die Freimaurerei in Kassel dann tatsächlich erst in der kurzen Zeit ab 1766 bis 1785, als ihr prominentester Bruder, Landgraf Friedrich II., die Freimaurerei legitimierte, indem er mittels Schutzbrief das Protektorat übernahm. Die drei Logen der Residenzstadt des kleinen hessischen Fürstentums hatten um 1780 zusammen immerhin fast 250 Mitglieder, darunter berühmte Persönlichkeiten wie zum Beispiel der Freiherr Adolph von Knigge, der Naturwissenschaftler Georg Forster oder die beiden Maler Tischbein d.Ä und d.J…
Gründer und viele Mitglieder der im Jahr 1773 gegründeten größten Loge der Zeit, die zu Ehren des Protektors den Namen "Frederic de lĀ“amitie", zu deutsch:"Friedrich von der Freundschaft" erhielt, waren Künstler, französische und italienische Schauspieler, Sänger, Tänzer und Musiker des landgräflichen Hoftheaters.
Nach dem Tod Friedrich II. (1785) machte sein ältester Sohn und Nachfolger, Landgraf Wilhelm IX. keinen Hehl daraus, daß er die humanistischen und aufklärerischen Ideale der Freimaurerei verachtete. 1793 ordnete er unter dem fadenscheinigen Vorwurf, die Freimaurer Hessen- Kassels würden mit den Zielen der französischen Revolution sympathisieren, die polizeiliche Schließung aller Logen seiner Landgrafschaft an. Das Verbot galt bis 1806.
Während der Zeit der Okkupation fast aller deutschen Länder durch Napoleon Bonaparte war Kassel von 1806 bis 1813 Residenzstadt des "Königreiches Westphalen" des jüngsten Napoleon- Bruders Jerome Bonaparte. Der erst 23-jährige König und sein Premierminister Joseph Jerome Simeon waren beide selbst Freimaurer und förderten nachhaltig die Logentätigkeit in ihrem kurzlebigen Königreich. Die Logen verzeichneten einen enormen Mitgliederzuwachs.
Bedeutende Persönlichkeiten in Hessen- Kassel bekennen sich zur Freimaurerei 1813 war die "französische Zeit" vorbei und Kassel wieder Hauptstadt Kurhessens. Die Logen durften zunächst ihre Arbeit ungehindert fortsetzen. Zwei der damaligen Kasseler Freimaurerbrüder wollen wir namentlich hervorheben:
Friedrich Murhard, dessen Namen die Straße trägt, in der sich unser heutiges Logenhaus befindet. Er hatte gemeinsam mit seinem Bruder die MurhardĀ“sche Bibliothek in Kassel gestiftet.
Louis Spohr, der 1822 auf Empfehlung von Carl Maria von Weber vom Kurfürsten zum Oberhofkapellmeister in Kassel berufen worden war und dieses Amt bis zu seinem Tode (1859) ausführte. Er war der größte Geigenpädagoge seiner Zeit, einer der beliebtesten Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts, dessen Werk stilistisch an die Musik des berühmtesten deutschsprachigen Komponisten, Wolfgang Amadeus Mozart, anknüpfte. Auch dieser war Freimaurer.
Die Freimaurerei wurde im Jahr 1824 ein zweites Mal verboten, dieses Mal von Kurfürst Wilhelm II., Sohn und Nachfolger des früheren Landgrafen Wilhelm IX. Die Begleitumstände dieses Verbots lesen sich beinahe wie ein Kriminalroman. Das Verbot galt immerhin 42 Jahre, bis 1866, als Kurhessen vom Königreich Preußen annektiert wurde.
Die Logen wurden wieder zugelassen, es folgte eine dritte Blütezeit. Die Freimaurerlogen waren ein selbstverständlicher, anerkannter Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft. Mehrere neue Logen entstanden, darunter unsere Johannisloge "Zur Freundschaft".
Unsere Loge erlebte einen steten Aufwärtstrend bis zum Verbotserlaß der NS-Machthaber. Unsere Loge wurde im Dezember 1893 gegründet und trat 1907 der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland - Freimaurerorden als Mitgliedsloge bei.
In der Folgezeit hatte die Loge zeitweise über 100 Mitglieder, darunter eine stattliche Zahl wohlhabender Bürger Kassels, so daß es möglich war, bereits im Gründungsjahr 1893 ein neu gebautes Logenhaus in der Kölnischen Straße 54 in Kassel zu beziehen. Auch "nichtfreimaurerische" Kasselaner waren oft bei diversen kulturellen Veranstaltungen zu Gast. Gern besucht wurde auch eine logeneigene öffentliche Gaststätte. Im Keller befand sich sogar eine Kegelbahn.
Im Januar 1934 erhielten fünf der sechs Kasseler Logen einen Verbotsbefehl, wurden zur Einstellung ihrer Arbeit, zur Auflösung und Übergabe allen beweglichen und unbeweglichen Inventars gezwungen. Drei dieser Logen arbeiteten im Haus der Loge "Zur Eintracht und Standhaftigkeit" am Ständeplatz, die Heimat der beiden anderen Logen war das Logenhaus der "Freundschaft".
Am 18.Juli 1935 wurde auch unsere Loge verboten. Mit der zwangsweisen Liquidation wurde das gesamte Logenvermögen enteignet, wie es ein Jahr zuvor schon im Logenhaus am Ständeplatz geschehen war. Beide Logenhäuser mußten weit unter Preis zwangsverkauft werden. Das Haus in der Kölnischen Straße ging an einen "verdienten Parteigenossen" und das am Ständeplatz an die Handwerkskammer. Die Erlöse kassierte nicht etwa der Staat Preußen, das Deutsche Reich oder die Stadt Kassel, sondern die NSDAP! Beide Häuser fielen dann im 2. Weltkrieg dem verheerenden Bombenangriff in der Nacht vom 22. zum 23. Oktober 1943, bei dem Kassels Kernstadt zu 90% zerstört wurde, zum Opfer.
Akten, Protokolle, Mitgliederverzeichnisse und viele wertvolle Bücher verschwanden auf Dachböden oder in Kellern von Archiven, sofern sie nicht von Plünderern in SA- Uniform aus den Fenstern der Logenhäuser geworfen und auf Scheiterhaufen verbrannt worden waren. Einige Unterlagen dienten den Propagandisten Hitlers und seinem Propagandaminister Goebbels als Anschauungsmaterial für "schaurig gruselige" Wanderausstellungen über das "Unwesen" der Freimaurerei.
Heute befinden sich auf dem Grundstück in der Kölnischen Straße ein Teil des Gebäudekomplexes der Brandversicherungsgesellschaft und am Ständeplatz das Gebäude der Handwerkskammer Kassel.
Der Wiederaufbau - seit 1985 ist das Logenhaus Murhardstraße der zentrale Ort unserer Bruderschaft. Nach 1945 konnte sich bereits 1946 ,mit Genehmigung der amerikanischen Militärregierung ,die Loge "Goethe zur Bruderliebe" etablieren. Sie vereinigte fast alle Brüder früherer Kasseler Logen, mit Ausnahme der Brüder unserer Loge. Zu den Gründern dieser neuen "Einigungsloge" gehörte auch der amerikanische (deutschstämmige) Militärgouverneur von Kassel, Colonel Gustav J. Albrecht. Auch eine ansehnliche Zahl seiner Offiziere waren Freimaurer und besuchten die Loge regelmäßig. Im neuen Logenhaus der "Goethe zur Bruderliebe" in der Friedrichstraße arbeitete auch unsere Loge bis Ende 1984.
Weihnachten 1984 kaufte unsere Loge das Gebäude der ehemaligen evangelisch-methodistischen Kirche mit den angeschlossenen Räumen in der Murhardstraße.
Es war einst die 1888 geweihte "Englische Kirche", errichtet in neogotisch-englischem Stil für eine damals in Kassel existierende anglikanische Gemeinde. Die Methodistengemeinde erwarb die Kirche schon in den Zwanziger Jahren. Bei dem Bombenangriff auf Kassel im Oktober 1943 wurde auch die "Englische Kirche" bis auf die Grundmauern und die östlichen Fassadenteile zerstört. Schon bald nach dem Krieg, noch in den 40-er Jahren, begannen die Methodisten auf den Grundmauern mit einem Neubau, der 1950 fertiggestellt war.
Bereits wenige Wochen nach dem Kauf des Grundstückes und des Gebäudes, am 9. Februar 1985, konnten wir mit einer festlichen "Tempelarbeit", wie wir Freimaurer unsere besonderen rituellen Zusammenkünfte nennen, das jährliche Stiftungsfest und zugleich die Übernahme der Räume in der Murhardstraße feiern. Im Mitgliederverzeichnis standen zu diesem Zeitpunkt die Namen von über 90 Mitgliedern.
Zum 100. Stiftungsfest unserer Loge im Februar 1994 haben wir eine kleine Jubiläumsschrift herausgegeben, die ausführlicher, als es an dieser Stelle möglich ist, die Geschichte der Freimaurerei in Kassel und besonders unserer Loge schildert.
